Hasselborner Str. 20, 61279 Grävenwiesbach
Richard Schirrmann und das Jugendherbergswerk, Grävenwiesbach
Richard Schirrmann (1874–1961) war Lehrer und Pädagoge, der Bildung mit Bewegung, Naturerfahrung und sozialem Lernen verband. Aus der Notwendigkeit heraus, jungen Menschen auf mehrtägigen Wanderungen geeignete Übernachtungsmöglichkeiten zu bieten, entwickelte er 1909 die Idee eines flächendeckenden Jugendherbergsnetzes. 1932 gründete er das Internationale Jugendherbergswerk – getragen vom Leitgedanken der Begegnung zwischen Menschen verschiedener Nationen und dem Wunsch nach Frieden.
Geschichte
Richard Schirrmann wurde am 15. Mai 1874 in Grunenfeld (ehemals Ostpreußen, heute Gronovko/Polen) geboren und verstarb am 14. Dezember 1961 in Grävenwiesbach im Taunus. Als ältestes von sechs Kindern entschied er sich – wie bereits sein Vater und Großvater – für den Lehrerberuf, den er mit großer Überzeugung ausübte.
Nach Stationen als Lehrer in Ostpreußen, Gelsenkirchen (ab 1901) und Altena in Westfalen (ab 1903) begann er, seine pädagogischen Erfahrungen außerschulischen Lernens zur Persönlichkeitsbildung seiner Schülerinnen und Schüler als Ergänzung zur Lernschule zu einem Lernprinzip auszuformen. Unter dem Begriff der „Wandernden Schule“ verband er Bildung mit Bewegung, Naturerfahrung und sozialem Lernen. Dabei legte er besonderen Wert auf Selbstverantwortung, Mitbestimmung sowie das gemeinschaftliche Miteinander. Auch gesundheitliche Aspekte fanden in seinem Ansatz Berücksichtigung, zusammengefasst in der Idee einer „Freilicht- und Frischluftschule“. Im Rahmen mehrtägiger Wanderungen – unter anderem bis in die Niederlande – sollten Schülerinnen und Schüler nicht nur ihre unmittelbare Umgebung, sondern auch andere Regionen, Kulturen und Lebensweisen kennen und schätzen lernen. Rückblickend sagte er: „Zu Anfang wollte ich nur mein eigener Schulreformer sein.“
Aus diesen Erfahrungen heraus entstand die Notwendigkeit, geeignete Übernachtungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen. Am 26. August 1909 entwickelte Schirrmann während einer Wanderung die Idee eines flächendeckenden Netzes von Jugendherbergen. In der Folge setzte er sich durch Vorträge, Lichtbild-Shows, Veröffentlichungen und persönliche Ansprache intensiv für die Umsetzung ein. Bereits 1912 wurde auf der Burg Altena die erste dauerhaft eingerichtete Jugendherberge eröffnet. Die Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg prägten Schirrmann nachhaltig und stärkten seinen Einsatz für Frieden und internationale Verständigung. Er fasste es in folgenden Worten zusammen: „Allvater, erlöse die Menschheit von dem Fluch der Kriegsseuche! … Wie wäre es, wenn die denkreiche Jugend aller Staaten für das sich Kennenlernen geeignete Begegnungsstätten fände! … Toleranz wächst nicht gleich wilden Brombeeren wie von selber am Wege, sondern sie muss gelehrt und geübt werden.“
1925 gründete er das Kinderdorf Staumühle auf einem ehemaligen Militärgelände in der Senne bei Paderborn, ein Projekt zur Förderung von Gemeinschaft und friedlichem Zusammenleben. Mit Schirrmanns Gründung des Internationalen Jugendherbergswerks im Jahr 1932 erhielt seine Idee eine weltweite Dimension, getragen vom Leitgedanken der Begegnung zwischen Menschen verschiedener Nationen. Sein Slogan lautete „Friedenswandern von Volk zu Volk“ und „Jugendherbergen als Friedensbrückenbauten“.
Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde Schirrmann 1937 aufgrund seiner demokratischen und pazifistischen Haltung zum Rückzug aus dem Jugendherbergswerk gezwungen. Er zog nach Grävenwiesbach, wo er mit seiner Familie lebte und während des Krieges wieder als Lehrer tätig war.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann Schirrmann sofort mit dem Wiederaufbau des Deutschen Jugendherbergswerkes. 1949 wurde dieses neu gegründet, und er übernahm die Ehrenpräsidentschaft. Bis zu seinem Lebensende galt sein Denken und Schaffen dem JH-Werk und dem Werben für seine Jugendherbergs-Idee, insbesondere der Förderung von Jugendbegegnung, Gemeinschaft und Frieden. Sein Wirken lässt sich in den Leitbegriffen „Jugendfreude, Heimatliebe und Völkerfrieden“ zusammenfassen, die bis heute die Inhalte des weltweiten Jugendherbergsgedankens prägen.
Sein letzter Gedanke und seine letzte Bitte an seine Frau waren: „Sieh zu, dass die Jugendherbergs-Idee nicht verwässert wird!“
Grudrun Schirrmann