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Obergasse 23, 61250 Usingen

Prinzenpalais, Usingen

Das Prinzenpalais in der Usinger Obergasse blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: von einem Adelshof des 14. Jahrhunderts über einen fürstlichen Besitz, eine Poststation mit Gasthaus bis hin zum Amtssitz des Landkreises Usingen ab 1888. Als Gründungsort der freiheitsgesinnten „Wetterauer Gesellschaft“ ist es zugleich ein Ort des demokratischen Gedächtnisses der Region.

Demokratie braucht einen Ort der Erinnerung

Die Geschichte des Prinzenpalais in der Obergasse 23 beginnt mit der Familie von Hattstein, die erstmals 1374 in Usingen schriftlich belegt ist. Im großen Stadtbrand 1692 wurden die gesamte Neustadt und auch der Hattsteiner Hof ein Opfer der Flammen. Der Wiederaufbau der Usinger Neustadt in dem heute bestehenden rechtwinkligen Quartiersmuster begann noch unter Fürst Walrad (* 1635 – † 1702).

Nach mehreren Besitzerwechseln in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erwarb 1768 der spätere Herzog von Nassau, Friedrich August, den Hattsteiner Freihof mit Hofreite und Ländereien.

Im Jahr 1799 endete die fürstliche Nutzung des Gebäudes. Es wurde verkauft. Neuer Eigentümer wurde Christian Jakob Graf. Das „Prinzenpalais“ wurde zur Thurn und Taxischen Posthalterei mit Weinhandel und einer Gaststätte „Zur Post“. Ab 1822 wurde die Gaststätte umbenannt und hieß nun „Zum Nassauer Hof“.
Eine neue Zeit hielt Einzug in das Gebäude.

Im sogenannten Beamtenhaus neben dem Prinzenpalais wurde 1804 der Anwalt und führende Politiker der liberalen Bewegung August Franz Hergenhahn geboren. Er wurde 1846 für Wiesbaden in die Deputiertenversammlung des Herzogtums gewählt und wurde 1848 deren Vorsitzender. Er war ab 1848 Mitglied der Nationalversammlung in der Paulskirche und zählte dort zu den führenden Vertretern der liberalen Casino-Fraktion. Nach der Niederlage der Revolution von 1848 arbeitete Hergenhahn wieder am Oberappellationsgericht. Im Juli 1849 wurde er zusätzlich Mitglied des Herausgebergremiums der „Deutschen Zeitung“. 1867 war er als Vertreter der Nationalliberalen Partei Mitglied im konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes für den Wahlkreis Wiesbaden I (Obertaunus – Höchst – Usingen). Er verstarb im Dezember 1874 in Wiesbaden. Eine Gedenkplakette für August Hergenhahn ist am Haus seiner Geburt in Usingen angebracht. Eine Straße im Neubaugebiet Schleichenbach ist nach ihm benannt.

Unter dem Einfluss der liberalen und freiheitskämpferischen Ideen wurde im Prinzenpalais, nun „Gasthaus zur Post“, die „Wetterauer Gesellschaft“, auch „Usinger Verein“ genannt, gegründet. Man traf sich dort beim „Weine des alten Posthalters Gräf“ mit dem Motto „einig zu wirken und sei es bis zum Tod für Vaterland und Freiheit“.

Im Jahr 1888 wurde das Prinzenpalais vom neu errichteten Landkreis Usingen erworben und zum Amtssitz des Landrats Dr. August Beckmann umgebaut. Im 1. Obergeschoss entstand eine repräsentative Dienstwohnung im Stil des wilhelminischen Historismus. Der Saal und die Nebenräume wurden in ihre heutige Form gebracht. Besonders wertvoll waren die großen Windfangtüren im Stil des Neo-Rokoko.
Usingen wurde 1886 zur Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises Usingen und blieb es bis zur unter preußischer Verwaltung stattfindenden Kreisreform im Jahr 1932. Die Nationalsozialisten errichteten 1933 im Zuge der bewusst herbeigeführten Schwächung Preußens den Landkreis Usingen erneut. Usingen blieb Kreisstadt bis zur Kreisauflösung im Jahr 1972. Zum Ausgleich für den Verlust an Verwaltungskompetenz erhielt Usingen mit Unterstützung des Hochtaunuskreises ein Hallenbad, das heute gern von den Bürgern der Stadt genutzt wird.

Das Wachstum der Stadt und der auf der Obergasse stark zunehmende Automobilverkehr veranlassten die Stadtverwaltung 1966/67 die wesentlich zur Architektur gehörende zweiseitige Zugangstreppe zum Haupteingang des Gebäudes auf der Obergasse abzutragen. Eine Wiederherstellung der ursprünglichen Ansicht der Schauseite des Prinzenpalais wird möglich, wenn der Durchgangsverkehr aus der Obergasse durch den Bau einer Umgehungsstraße herausgenommen wird.

Gerhard Brähler

Das Prinzenpalais um 1910 (Foto: Kreisarchiv Hochtaunuskreis)